Winterlicher Ausflugstipp im Nördlichen Harzvorland: Schloss Salder

Nördliches Harzvorland, Städtisches Museum Schloss Salder Salzgitter, historisches Klassenzimmer, Renate Vanis. Foto: Beate Ziehres

Schloss Salder in Salzgitter ist ein beliebtes Ausflugsziel im Nördlichen Harzvorland. Deshalb habe ich mich hier einmal genauer umgeschaut. Im mehr als 400 Jahre alten Gemäuer erzählt das Städtische Museum Schloss Salder die Geschichte der Region und der Stadt Salzgitter vom Erdaltertum bis in die Neuzeit. Auf fast 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche erwarten die Besucher eindrucksvolle Exponate wie beispielsweise das Skelett des Ichthyosaurier Platypterygius hercynicus.

Schloss Salder – ein Haus mit Geschichte

Schloss Salder hat eine wechselhafte Geschichte erlebt. Der Grundstein für das Weser-Renaissance-Gebäude, das wir heute kennen, wurde 1608 gelegt. David Sachse, ein Kommandeur der braunschweigischen Armee, ließ das Schloss auf verpfändetem Grund der Familie von Saldern errichten.

Schon wenige Jahre später entbrannte ein Streit darum, wer der rechtmäßige Besitzer des Schlosses im Nördlichen Harzvorland sei. 1695 erwarb Herzog August Wilhelm von Braunschweig Schloss Salder. Das Haus wurde Sommer- und Jagdresidenz, später Witwensitz und danach Domäne. 1939 erwarben die frisch gegründeten Reichswerke das Schloss, das nun als Sitz der Großdeutschen Umsiedlungsgesellschaft diente.

Nördliches Harzvorland, Städtisches Museum Schloss Salder Salzgitter, Schloss Salder von oben. Foto: André Kugellis
Schloss Salder von oben gesehen / André Kugellis

Von der Salzgitter-AG als Nachfolgegesellschaft der Reichswerke übernahm die Stadt Salzgitter das Schloss am 1. April 1955 zum Preis von einer Mark. Seit 1962 ist das Museum der Stadt Salzgitter in den geschichtsträchtigen Gebäuden untergebracht. Und damit wären wir auch schon mitten in der Ausstellung, durch die mich Renate Vanis, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schloss Salder, begleitet.

Einblick in die Erdgeschichte: urzeitliche Tiere und Gesteine

Wir starten den Rundgang im Keller des Schlosses, wo ich mich direkt ins Erdmittelalter zurückversetzt fühle. Mir begegnen versteinerte Tiere und Landschaften, die nie ein Mensch live gesehen hat. Prunkstück der Ausstellung ist das Skelett eines fast fünf Meter langen Fischsauriers. Es wurde 1940 in einem Eisenerzbergwerk, der Grube Gitter-Georg, entdeckt.

Nördliches Harzvorland, Städtisches Museum Schloss Salder Salzgitter, Skelett Fischsaurier, Renate Vanis. Foto: Beate Ziehres
Skelett des Ichthyosaurier Platypterygius hercynicus im Städtischen Museum Schloss Salder / Beate Ziehres
Nördliches Harzvorland, Städtisches Museum Schloss Salder Salzgitter, eiszeitliche Szene. Foto: Beate Ziehres
Eiszeit-Szene aus dem Nördlichen Harzvorland / Beate Ziehres

„Die Region um Salzgitter lag früher entweder im Meer oder in Küstennähe“, erklärt Renate Vanis das Vorkommen des Fischsauriers im Nördlichen Harzvorland. „Unser Ichthyosaurier Platypterygius hercynicus ist eine eigene Art und das einzige bisher gefundene Exemplar“, fährt Renate Vanis fort. Er war einer der letzten seiner Gattung und lebte vor rund 115 Millionen Jahren im Kreidemeer.

Die Ichthyosaurier seien Anfang der Oberkreidezeit ausgestorben, weiß die Fachfrau. Doch warum die Fischsaurier ausgestorben sind, weiß sie auch nicht. „Wahrscheinlich eine Folge des Klimawandels“, vermutet Vanis.

Auch die Entstehung der für Salzgitters Entwicklung so wichtigen Bodenschätze werden im Gewölbekeller des Schlosses erklärt. Salz und Eisenerz sind Relikte aus den Zeiten, in denen Meere die Gegend bedeckten.

50.000 Jahre Leben im Nördlichen Harzvorland

Ein Stockwerk höher, im Erdgeschoss des Schlosses, thematisiert die Ausstellung das Leben der Neandertaler im Nördlichen Harzvorland. Schon in der Eiszeit – vor rund 50.000 Jahren – haben Jäger an der Krähenriede ihr Lager aufgeschlagen. Von diesem Stützpunkt aus gingen sie in der Fuhse-Niederung auf Rentierjagd.

Noch eindrucksvoller als im Schloss ist diese Zeit im Eiszeitgarten des Museums hinter dem Schafstall dargestellt. Herzstück dieses Ausstellungsteils ist das lebensgroße Mammut, das in einer Falle sitzt, und ein Wollnashorn. Dass das mächtige Mammut tatsächlich hier gelebt hat, belegen zahlreiche Knochen- und Zahnfunde aus dem Salzgittersee. Bereits im 17. Jahrhundert fanden Schüler des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz einen Mammutzahn in den eiszeitlichen Ablagerungen bei Salzgitter-Thiede.

Im Inneren des Schlosses gewinne in weitere Einblicke, beispielsweise in das Leben und Arbeiten der Germanen während der  Eisenzeit. „Hier in Salzgitter-Salder bestand 300 Jahre lang eine germanische Siedlung“, weiß Renate Vanis.

Die nächste große Epoche, das Mittelalter, muss ich mir aufheben für den nächsten Besuch. Die Mittelalterabteilung mit Rittern, Bauern, Handwerkern und Salzsiedern wird gerade neu gestaltet. Aber ich kann bereits den Altar der Kniestedter Kirche sowie eine Lutherbibel und einen Kelch aus dem Mittelalter sehen.

Geschichte zwischen Reformation und Republik

Im ersten Obergeschoss des Schlosses präsentiert das Städtische Museum Schloss Salder die Geschichte des heutigen Stadtgebiets ab dem Jahr 1600. Gleich neben dem prächtigen Fürstensaal gewährt eine Biedermeierstube Einblick in diese Zeit. Ich begegne den Wandermusikanten, die als Klesmer im 19. Jahrhundert die ganze Welt bereisten, und Personen, die an wichtigen Ereignissen in der Region beteiligt waren.

Kinder und Spielwaren im 19. und 20. Jahrhundert

Auf dem Dachboden, wo früher die Bediensteten wohnten, hat das Städtische Museum ein kleines Kinderparadies eingerichtet. Hier darf nach Herzenslust gespielt werden. Doch der Ernst der Ausstellung beginnt nicht erst im authentisch eingerichteten Klassenzimmer einer Dorfschule in den 1950er-Jahren.

Der Spielzeugbereich mit Eisenbahnen, Blechspielzeug, Feuerwehrautos, Schiffen, einer Puppensammlung und Puppenhäusern lenkt etwas ab von einem wichtigen Teil der Ausstellung: dem Leben der Kinder in früheren Epochen. Hier geht es beispielsweise um Kinderarbeit. „Die häufig zitierten Zwerge im Bergwerk waren in Wirklichkeit Kinder“, sagt Renate Vanis und weist darauf hin, dass Kinderarbeit früher gang und gäbe war.

Auch die militärische Erziehung der Kinder im Kaiserreich, dazu passendes militärisches Spielzeug aus dieser Zeit und die Instrumentalisierung der Kinder in der NS-Zeit sind Thema im zweiten Obergeschoss des Schlosses.

Vom Erz zum Stahl – Bergbau und Verhüttung im Salzgitter-Gebiet

Der Industriegeschichte Salzgitters widmet sich die Ausstellung im Erdgeschoss des ehemaligen Pferdestalls. Tatsächlich war dieses Gebäude bis 1968 Teil des aktiven Domänenbetriebs. Heute dreht sich hier alles um Erz und seine Verarbeitung zu Stahl.

Ich lerne, welche Erze hier lagern, in welchen Tagebauen sie gewonnen wurden und begegne unversehens wieder den Germanen. Bereits dieser Volksstamm hat im Nördlichen Harzvorland Erz aufgesammelt und verhüttet. In Lobmachtersen fanden Archäologen in einer germanischen Siedlung einen Rennofen, der zur Gewinnung von Eisen aus Eisenerz genutzt wurde. „Schon damals, im 3. Jahrhundert nach Christus, konnten sie die Öfen auf Temperaturen von über 1000 Grad aufheizen, um Erz aufzuschmelzen. Für jeden Schmelzvorgang musste damals ein neuer Ofen gebaut werden“, sagt Renate Vanis. Im Mittelalter haben die Bauern für den Eigenbedarf Eisen verhüttet.

Nördliches Harzvorland, Städtisches Museum Schloss Salder Salzgitter, Germanen mit Rennofen. Foto: Beate Ziehres
Schon die Germanen verhütteten im Nördlichen Harzvorland Eisenerze / Beate Ziehres

Im 19. Jahrhundert eröffnete man im Nördlichen Harzvorland neue Zechen. „Anfang des 20. Jahrhunderts vermutete man rund um das heutige Salzgitter ein Erzvorkommen von 1,5 Milliarden Tonnen“, erzählt Renate Vanis. Dass dieser Bodenschatz die Aufmerksamkeit des kriegshungrigen NS-Regimes erregen würde, ist nur logisch.

Ab Juli 1937 entwickelte sich die Industrialisierung der Region rasant: Die neu gegründeten Reichswerke Hermann Göring übernahmen alle Erzabbauaktivitäten. Der Tagebau wurde intensiviert, die Schächte vergrößert, neue Schächte gegründet, ein Hüttenwerk mit 32 Hochöfen geplant und in rasender Eile gebaut. Im Oktober 1939 konnte der erste Abstich erfolgen.

Bis zum Kriegsende waren 12 Hochöfen fertig und vier weitere im Bau. Mit dem Einmarsch der Amerikaner endete im April 1945 die Produktion. Bei laufenden Demontagearbeiten wurde im April 1949 der erste Hochofen wieder angeblasen und die Bergwerke öffneten wieder. Erst im Jahr 1951 erwirkte man das Ende der Demontage.

1953 gehen alle Betriebe der Reichswerke in das Eigentum der Bundesrepublik über. Das Werk in Salzgitter firmiert neu als Hüttenwerk Salzgitter AG. Mit zwei Hochöfen wird der Betrieb wieder aufgenommen. Heute – auch das erfahre ich im ehemaligen Pferdestall des Schlosses Salder – umfasst die Salzgitter AG rund 160 Unternehmen und Unternehmensbeteiligungen und beschäftigt 25.000 Mitarbeiter weltweit.

In Salzgitter waren bis Ende der 1950er-Jahre beziehungsweise Anfang der 1960er-Jahre rund 6.000 Menschen im Bergbau beschäftigt. Inzwischen ist von allen Eisenerzbergwerken nur noch Schacht Konrad in Betrieb, die Anlage wird zum Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle umgebaut.

Im Städtischen Museum Schloss Salder lerne ich aber auch, dass die Spiralschweißnaht eine Erfindung aus Salzgitter ist. Im Museum nicht nur zum Coil aufgerolltes Stahlblech ausgestellt, sondern auch ein Teil eines gewaltigen Rohrs mit besagter Spiralschweißnaht.

Nördliches Harzvorland, Städtisches Museum Schloss Salder Salzgitter, Produkte und Erfindungen aus Salzgitter. Foto: Beate Ziehres
Produkte und Erfindungen aus Salzgitter: zum Coil aufgewickeltes Stahlblech und ein Rohr mit Spiralschweißnaht / Beate Ziehres

Die neue Stadt Salzgitter – von 1933 bis 1990

Im Obergeschoss des Pferdestalls erfahre ich, dass die Menschen in den Dörfern, die später Teil der jungen Stadt Salzgitter wurden, ursprünglich von der Landwirtschaft lebten. Mit dem Anbau von Zuckerrüben kam Wohlstand in die Region, den die sogenannten Rübenburgen eindrucksvoll dokumentieren. Zuckerfabriken und Konservenfabriken entstanden und die Landwirte hatten laut Renate Vanis ein gutes Auskommen.

Mit Gründung der Reichswerke entwickelte sich die Gegend im Nördlichen Harzvorland zum größten Baugebiet im deutschen Reich. Um den Bau des Hüttenwerks voranzutreiben, wurden viele Arbeitskräfte benötigt. Weit über die Grenzen des deutschen Reiches hinaus warb man Zuwanderer an mit dem Argument „In Salzgitter gibt es Wohnungen mit fließend Wasser, Toilette und Bad.“

In der geplanten Großsiedlung Watenstedt-Salzgitter fehlte es jedoch bis zum Kriegsende an allem. Erst nachdem die Menschen die Totaldemontage der Reichswerke verhindert hatte, konnte Salzgitter aufgebaut werden. So entstanden rund um das Hüttenwerk Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten aus dem Nichts. „Erst in den 1970er Jahren hatte man Geld für nette Sachen, beispielsweise kulturelle Einrichtungen“, ergänzt Renate Vanis die anschaulich dargestellte damalige Wohn- und Lebenssituation in der Stadt.

Heute ist Salzgitter drittgrößter Industriestandort Niedersachsens und gleichzeitig eine grüne Stadt mit vielen Naherholungsmöglichkeiten und einem breiten Kulturangebot. Die Stadt hat 107.000 Einwohner, davon leben 40.000 in Lebenstedt und 20.000 im Stadtteil Bad. Doch auch Dörfer mit rund 200 Einwohnern zählen zur kreisfreien Stadt Salzgitter.

Das Städtische Museum Schloss Salder ist seit kurzem außerschulischer Lernort. Der Eintritt ins Museum ist frei. Führungen und museumspädagogische Angebote sollten etwa zehn bis 14 Tage vor dem Wunschtermin unter Telefon 05341 8394623 angefragt werden.

Adresse: Museumstraße 34, 38229 Salzgitter

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr; Sonn- und Feiertage von 11 bis 17 Uhr

Adventstreff und Spielzeugbörse im Hof von Schloss Salder

Bei meinem Besuch im Schloss Salder laufen auf dem Schlosshof die Vorbereitungen für den Adventstreff mit Spielzeugbörse auf Hochtouren. Die Ausmaße des Weihnachtswaldes, der aus diesem Anlass entsteht, sind schon zu erkennen. Im Schafstall und im Pferdestall werden Kunsthandwerker beispielsweise Weihnachtsbaumschmuck aus Lauscha und Schwibbögen anbieten. Die Spielzeugbörse im Kuhstall wird bereichert durch die Sonderausstellung „Eine Welt für Puppen“.

Kleine Besucher dürfen den Schneemann vor dem Schmelzen retten oder mit der Eisenbahn durch den Winterwald fahren. Natürlich gibt es auch ein kulturelles Rahmenprogramm mit Musik auf dem Schlosshof und Märchen im Schlossgewölbe.

Der Adventstreff findet am 3. Adventswochenende, also am 14. und 15. Dezember, statt.